Let’s donate: FAS und seine Folgen

Es war eigentlich ein ganz normales Wochenende — wir sitzen bei Freunden in einer geselligen Runde, gönnen uns leckere Weinschorlen und genießen den Abend. Die Männer trinken, die Frauen trinken, es ist ganz selbstverständlich. Wir sind alle jung, die meisten in Beziehungen und natürlich verhüten wir alle, solange die Kinderwünsche sich in der Ferne befinden. Mir schießt es dennoch durch den Kopf: „Wie können wir Frauen so selbstverständlich zur Flasche greifen?“ Schließlich besteht die Möglichkeit, bereits früh schwanger zu sein und es nicht zu wissen. Es erschien mir gar nicht so unrealistisch, da Alkohol eine in Europa weit verbreitete und kulturelle Angelegenheit ist. Heutzutage wird in den Industrieländern immer mehr aufgeklärt — über gesundheitliche Gefahren des Rauchens, des Alkoholkonsums und anderer Drogen. Dieses Bewusstsein hatten viele Menschen bis dahin gar nicht. Was passiert aber, wenn man in der Schwangerschaft Alkohol konsumiert?

Trinkt eine werdende Mutter in der Schwangerschaft, tritt eine Schädigung des Kindes auf: das sogenannte Fetale Alkohol Syndrom (FAS). Dabei sind schon geringe Mengen Alkohol entwicklungsschädigend für das heranwachsende Kind, da es den Alkohol nicht so schnell wie die Mutter abbauen kann und daher dem Gift länger ausgesetzt ist. Bereits 1720 wurde dem britischen Parlament berichtet, dass Alkohol die Ursache von „dünnen, schwachen und jämmerlichen Kindern“ sei. Die nach heutigem Stand erste Publikation zum Thema Alkoholschädigung erschien 1957 von Jaqueline Rouquette. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie 100 Kinder von trinkenden Eltern und fand heraus, dass Schädigungen besonders ausgeprägt waren, wenn die Mutter trank. Der Begriff FAS entstand in der Zeit 1968-1973, als sich P. Lemoine und in den USA K.L. Jones und D.W. Smith mit dem Thema beschäftigten.

Zentrale Aspekte der Störungen sind geringes Geburtsgewicht, körperliche Missbildungen (z.B. Gesichtsveränderungen) und Verhaltensstörungen sowie Defizite in der geistigen Entwicklung. Ja, FAS kann man den Kindern ansehen. Sie haben in der Regel schmale Augenlider, ein schmales Oberlippenrot und ein fast fehlendes Philtrum (die Mittelrinne zwischen Nase und Oberlippe). Die Ohren sind nach hinten gedreht und sehr tief angesetzt. Aber gerade das Zentralnervensystem ist durch den Alkoholabusus besonders stark betroffen. Im Laufe ihres Lebens zeigen betroffene Kinder starke Wahrnehmungsstörungen, verzögerte Sprachentwicklungen und kognitive Defizite. Der Durchschnitts-IQ liegt bei etwa 75. Das Lösen von komplexen Aufgaben, das Erlernen von Regeln und Erfassen von Sinnzusammenhängen ist beeinträchtigt, was sich auf den Alltag auswirkt.

Kinder mit FAS haben Schwierigkeiten eigene Spielideen zu entwickeln und ahmen daher oft die Spiele anderer Kinder nach. Wenn man sie fragt, wie es zu einem Unfall oder zu einem Konflikt kam, hört man von ihnen oft widersprüchliche Aussagen oder sie wirken ausweichend. Als Unwissender interpretiert man dieses Verhalten oft als verbergend oder verlogen, jedoch verstehen die betroffenen Kinder tatsächlich nicht, was geschehen ist und können den Ablauf des Geschehens nicht widergeben. Ihre Merkfähigkeit ist deutlich verringert.

Noch belastender sind jedoch die sozialen und emotionalen Einschränkungen. Die Kinder sind häufig hyperaktiv, haben nur sehr kurzfristiges Interesse an einer Aufgabe und legen Impulsivität in ihrem Sozialverhalten an den Tag. In der Schule fallen sie auf, da sie oft unruhig und sehr undiszipliniert sind. Risiken, z.B. beim Spielen, können nicht oder sehr schwer eingeschätzt werden. Die natürliche Angst vor Gefahren und Risiken fehlt. Eine große Auffälligkeit ist, dass Kinder mit FAS ein geringes Distanzgefühl aufweisen — sie spüren kein natürliches Misstrauen, sind leicht verführbar und vertrauensselig. Manchmal suchen sie sogar spontan die Nähe unbekannter, mitunter erwachsener Personen.  Dabei sind sie distanzlos und anhänglich, nicht selten stellen sie eine Person, die sie eben erst kennen gelernt haben, als „besten Freund“ dar. Aufgrund dieser Leichtgläubigkeit geraten die Kinder schnell in Situationen, deren Konsequenzen sie nicht abschätzen können.

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Kennt ihr die Geschichte von Max und Moritz? Wilhelm Busch beschreibt dort die Delikte vom aktiv handelnden Max und dem Mitläufer Moritz, der FAS-typische Gesichtsmerkmale aufweist. In den Geschichten schreibt Busch „Max hat schon mit Vorbedacht eine Angel mitgebracht“: Max handelt mit Bedacht, Moritz plant sein Handeln nicht. Er lässt sich von Max vom Mitmachen verleiten und freut sich, dass er beim Streich „dabei sein“ darf. Dabei denkt Moritz nicht darüber nach, welche Konsequenzen sein Verhalten für ihn selbst und für die anderen haben wird. Für ihre Taten erhalten beide Kinder die gleiche Strafe — dabei wird Moritz nicht verstanden haben, was er da getan hat und dass er als Mitläufer „benutzt“ wurde.

Hier kommen wir schon zum nächsten Punkt: FAS wird weithin nicht erkannt und als „böse Absicht“ gewertet. Meist hat Lob oder Mahnung keine Änderung des Verhaltens zur Folge, weswegen die Kinder im Laufe der Zeit weiterhin harsch kritisiert oder bestraft werden. Um FAS aber adäquat zu betreuen, muss man das Verhalten als solches erkennen, darüber sprechen und die Aufklärung fördern.

Weitere Informationen.

FASD-Netz Nordbayern. Das FASD-Netzwerk initiiert Präventions- und Aufklärungsprojekte in Schulen, setzt sich für die Bekanntmachung des Krankheitsbildes FASD ein und der Integration in Lehrpläne zur Aus- und Weiterbildung von Ärzten, Hebammen, Therapeuten, sowie in sozialen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten. Außerdem strebt das Netzwerk die Förderung und Verbesserung von Diagnostik, Therapie und der Betreuung der Patienten an, sowie eine Etablierung einer Diagnostik- und Beratungseinrichtung an der Kinder- und Jugendklinik des Universitätsklinikums Erlangen. Durch das Netzwerk werden Kontakte zu Selbsthilfegruppen und diagnostischen Zentren angeboten sowie Fachvorträge für Ärzte, Hebammen und Lehrer. Hier geht es zu den nächsten Terminen.

Viele Grüße und eine wunderschöne und erfolgreiche Woche,

Anna

Quellen: [1] FAS Kinder [2] Fetales Alkoholsyndrom [3] fetales-alkoholsyndrom.de
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