Wie sinnvoll ist Cost-Averaging?

Neulich machte ich eine kleine Entdeckung, die mich etwas wunderte. Als ich das erste Mal mit dem Thema Cost-Average-Effekt in Berührung kam, las ich auf einem deutschen Finanzblog das Fazit, dass Einmalanlagen per se einem regelmäßigen Sparplan vorzuziehen wären. Es wurde auch schön durchgerechnet, um diese Überlegenheit zu illustrieren. „Cool“, dachte ich, und beschloss für mich, dass ich das ab nun genauso handhaben möchte. Ja, ich fühlte mich sogar den Sparplan-Einzahlern haushoch überlegen 😉

Als ich vor ein paar Wochen „Intelligent Investieren“ von Benjamin Graham aufschlug, fand ich es verwunderlich, wie positiv sich der Vater des Value Investings über Indexfonds und Cost-Averaging äußerte. Er schreibt höchstpersönlich:

Wenn man über Jahre hinweg auf einem durchschnittlichen Marktniveau kauft, sollten die Kurse die Sicherheit einer angemessenen Sicherheitsspanne bieten.

Zeit, sich die Sache näher anzusehen!

Was ist das Cost-Averaging? Beim Cost-Averaging investiert man seine Anlagesumme regelmäßig in bestimmten Zeiträumen — z.B. Monate, Quartale oder Jahre. Bei fallenden Kursen können dadurch mehr Anteile gekauft werden und bei steigenden Kursen entsprechend weniger. Somit werden die Anteile zu einem Durchschnittspreis erworben und man verzichtet auf Timing-Fehler.

Manchmal kann man lesen, dass die Einmalanlage dem Sparplan „stets“ überlegen sei, so wie ich in das Thema eingeführt wurde. Diese Behauptung kann man schnell mit einem Gegenbeispiel als falsch entlarven. Jason Zweig stellt in „Intelligent Investieren“ fest:

Laut Ibbotson Associates, […], hätten Sie, wenn Sie Anfang September 1929 12.000$ in den S&P 500 investiert hätten, zehn Jahre später nur noch 7.223 $ übrig gehabt. Hätten Sie aber mit dürftigen 100 $ begonnen und jeden Monat weitere 100$ eingezahlt, dann wäre Ihr Vermögen bis zum August 1939 auf 15.571 $ angewachsen!

Ibbotson Associates wurde übrigens 2006 von Morningstar erworben. Wie sieht es aber nun mit der Gegenbehauptung aus? Sind Einzahlungen in regelmäßigen Abständen generell besser als die Einmalanlage?

Auch hier nein — betrachten wir hierzu den Fonds ARERO – Der Weltfonds (WKN: DWS0R4) im Jahr 2014. Dazu vergleichen wir eine Einmalanlage von 12.000 € am ersten Handelstag und eine gleichmäßige monatliche Aufteilung dieser Summe während dieses Jahres. Am ersten Handelstag jeden Monats wird eine Investition von 1000 € getätigt.
Nun zeigt sich, der Fonds hat sich sehr positiv entwickelt — vom ersten bis zum letzten Handelstag im Jahr 2014 betrug die Rendite 11,35 %. Bei der Einmalinvestition haben wir also 81,69 Anteile erwerben können und ein Endvermögen von ca. 13.362 € erreicht. Beim monatlichen Sparplan konnten über den gleichen Zeitraum nur 77,68 Anteile erworben werden und das Endvermögen entspricht am letzten Handelstag etwa 12.706 € — eine Rendite von 5,9 %.

Eine generelle Über- oder Unterlegenheit des Anlagenplans mit Cost-Averaging lässt sich also nicht herleiten. Die ermittelten Ergebnisse hängen stark von dem betrachteten Zeitraum ab. Allerdings zeigen weitere Untersuchungen, dass das Cost-Averaging sich vor allem in Bärenmärkten vorteilhaft zeigt, während man bei steigenden Märkten einen nachteiligen Effekt erwartet. Das Problem ist aber das Folgende: Es gilt mittlerweile als wissenschaftlich gesichert, dass sich der Kapitalmarkt langfristig positiv entwickelt. Es ist daher zweifelhaft, ob sich das Cost-Averaging unter dieser Entwicklung als grundsätzlicher Vorteil darstellt.

Die Vanguard Group konnte in ihren Studien sogar genau das zeigen: Die Forscher verglichen zunächst die Auswirkungen der Einmalzahlung gegenüber dem Cost-Averaging über Zeiträume von 6, 12, 18, 24, 30 und 36 Monaten. Sie verglichen auch den Einfluss von verschiedenen Märkten, im Hinblick auf den US-Markt, Großbritannien und Australien. Beide Strategien wurden dann letztlich in regelmäßigen Perioden von 10 Jahren verglichen, zurückreichend bis ins Jahr 1926. Letztlich wurden diese Vergleichsstudien sogar auf verschiedene Portfolios angewandt — Du siehst, die beiden Strategien wurden sehr ausführlich untersucht. Das Ergebnis ist dementsprechend eindeutig: In 67 % der Fälle konnte die Einmalanlage gegenüber dem Cost-Averaging (über 12 Monate verteilt) in Sache Rendite punkten. Der Grund ist der, dass sich Anleihen und Aktien gegenüber dem Halten von Cash langfristig (über Dekaden hinweg) besser entwickeln.

Was sagt aber nun Benjamin Graham dazu? Graham ist der „Vater des Value Investings“, einer Investing-Methode, die unter anderem Warren Buffett verhalf, einer der erfolgreichsten Investoren aller Zeiten zu werden. Beim Value Investing wird davon ausgegangen, dass ein Unternehmen einen fairen, inneren Wert aufweist, den man bspw. mit der Fundamentalanalyse abschätzen kann. Wird das Unternehmen an der Börse unterhalb dieses Wertes (der sogenannten Sicherheitsspanne) gehandelt, kauft man. Da das größte Verlustrisiko bei einem Investment darin besteht, in ein Unternehmen zu teuer einzukaufen, ist das Konzept dieser „Sicherheitsspanne“ (Margin of Safety) ganz wesentlich: Der Mensch kann sich immer irren und durch den Sicherheitspuffer können trotz dessen sehr gute Renditen erzielt werden. Gleichzeitig werden damit Verluste abgefedert, es wird nämlich davon ausgegangen, dass der Markt langfristig wieder zur fairen Bewertung zurückkehrt. Normalerweise rechnet man mit einem Sicherheitspuffer von 10-20%.

Graham unterscheidet in „Intelligent Investieren“ ferner zwischen „aggressiven“ und „defensiven“ Investoren. Der defensive, passive Investor legt seinen Augenmerk dabei darauf, schwerwiegende Fehler zu vermeiden, sich nicht sonderlich anstrengen zu müssen und eher selten Entscheidungen zu treffen. Dahingegen wird sich der professionelle, „aggressive“ Investor mehr darum mühen, Zeit und Sorgfalt aufzuwenden, um gute bis sehr gute Ergebnisse einzufahren. Gerade den defensiven Investoren rät Graham zu Indexfonds und dem Cost-Averaging, letzteres besonders, um die negativen Effekte der Marktvolatilität zu lindern. Gleichzeitig muss sich der Investor nicht mehr mit der Frage beschäftigen, wann und zu welchem Preis er kauft.

Fazit. Nach den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen kann man sagen, dass sich das Cost-Averaging vor allem in Zeiten von Bärenmärkten lohnt und sich in Zeiten der Hausse eher nicht rentiert. Andererseits liegt die Schwierigkeit darin, diese Zustände zuverlässig zu identifizieren und vorauszusagen, was wahrscheinlich unter die Kategorie „Market Timing“ fällt: wir wissen nicht, wann die nächste Rezession auf uns wartet und wann der jetzige Bullenmarkt endet.

Gleichzeitig muss man noch betonen, dass die meisten Menschen, die sich als professionelle / aggressive Investoren versuchen, scheitern und letztlich eine Rendite erzielen, die unterdurchschnittlich ist. Deswegen kann es sehr empfehlenswert sein, sich den defensiven Investoren anzuschließen: Man wendet wenig Zeit auf und erhält trotzdem ganz gute und zuverlässige Ergebnisse. Das Cost-Averaging ist dabei ein gutes Instrument, Zeit und Anstrengung zu sparen und gleichzeitig die Risiken zu minimieren. Ich sehe daher das Cost-Averaging, ähnlich wie Benjamin Graham, eher positiv und empfehlenswert.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende,

Anna.

Quellen: [1] Arero – Der Cost-Average Effekt [2] The 5 Mistakes Every Investor Makes and How to Avoid Them: Getting Investing Right (Affiliate-Link)

415AuRrqucL._SX353_BO1,204,203,200_ In dem Klassiker Intelligent Investieren: Der Bestseller über die richtige Anlagestrategie lässt uns Benjamin Graham an seinen Erfahrungen am Aktienmarkt und seinen Kenntnissen teilhaben. In dem Buch werden Tipps und Strategien sowohl für den konservativen als auch für den spekulativen Anleger geboten und zudem die Methode des „Value Investings“ erklärt. Graham arbeitet mit vielen Fallbeispielen, die sich um die Zeit 1960/1970 zutragen. Jason Zweig kommentiert dabei jedes Kapitel neu und führt die Fallbeispiele auf unsere heutige Zeit fort. So ist der Bestseller noch heute aktuell. Ich habe das Buch gelesen und für sehr gut befunden. Deswegen möchte ich dir das Buch weiterempfehlen, weil ich glaube, dass dir die Informationen nützlich und hilfreich sein können (Affiliate-Link).

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6 Gedanken zu „Wie sinnvoll ist Cost-Averaging?“

  1. Hallo Anna,

    dass die einmalige Einlage einer größeren Summe gegenüber mehreren, kleineren, zeitlich gestaffelten Einlagen stets (!) überlegen ist, ist natürlich nicht richtig. Wenn man jedoch von langfristig steigenden Kursen ausgeht, dann erscheint es nur logisch, das Kapital, was ohnehin investiert werden soll, sofort zu investieren. Eine zeitliche Staffelung würde sich bei steigenden Kursen natürlich negativ auf die Rendite auswirken.
    Wenn man jedoch von sinkenden Kursen ausgeht, investiert man am besten überhaupt nicht, auch nicht zeitlich gestaffelt.

    Da nun niemand weiß, ob die Kurse steigen oder sinken, ist man genauso schlau wie zuvor. Wenn man aber von einem langen Anlagehorizont und langfristig steigenden Kursen (unterbrochen von gelegentlichen Rücksetzern) ausgeht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Einmalanlage besser ist, einfach größer.

    Ich fürchte nur, diese Frage stellt sich für den durchschnittlichen Privatanleger gar nicht, da sie ohnehin lediglich monatlich von ihrem Gehalt etwas zur Seite legen.

    Viele Grüße und viel Spaß mit Deinem neuen Blog

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    1. Hallo Sven!

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Ich stimme dir zu, dass man die Kurse nicht vorhersagen kann und dass bei einem sehr langen Zeithorizont sich die Einmalzahlung besser auswirkt: in 2/3 der Fälle scheint die Einmalanlage dann besser zu punkten. Ob man sich für Cost-Averaging entscheidet oder die Einmalanlage liegt vielleicht auch im Ermessen, wozu man anlegt, in welchem Anlagehorizont und wie viel Zeit und Mühe man in seine Investitionen stecken will. Aber ja, manchmal erübrigt sich die Frage, da viele Menschen nur gestaffelt investieren können.

      Vielen Dank 🙂
      Schönen Sonntag,

      Anna

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  2. Die Diskussion um den Cost Average Effekt ist eine Phantomdiskussion, die in der Regel von Versicherungsvertretern und Anlageberatern initiiert wird, um die Vorteile von monatlichen (Ein)Zahlungen darzustellen.

    Warum ist es eine Phantomdiskussion:
    1. Jeder Anleger muss sich im Kontext seiner geplanten Vermögensbildung damit auseinandersetzen, welche Anlageinstrumente er verwenden möchte. Wenn er also die Börse (Aktien und Aktien-ETFs) als Anlageinstrument nutzen möchte, dann tut er das, da er die Auffassung vertritt, dass sich die Börse positiv(!) entwickeln wird. In diesem Fall ist die Einmalanlage des vorhandenen Kapitals besser, als das Kapital gestaffelt zu investieren. Wenn jemand die Auffassung vertritt, dass die Börse sich negativ(!) entwickeln wird, dann ist es besser, gar nicht zu investieren. Der Cost Average Effekt ist in diesem Szenario nicht gut, sondern weniger schlecht, also nicht anzustreben.
    2.Die wenigsten Anleger haben die Möglichkeit, zu entscheiden, ob sie einen hohen Geldbetrag sofort oder gestaffelt anlegen. Sie müssen gestaffelt anlegen, da sie den Einmalbetrag gar nicht zur Verfügung haben. Insofern ist es sehr sinnlos, die Szenarien Einmalanlage und gestaffelte Anlage in der Theorie miteinander zu vergleichen, da in der Praxis ausschließlich die gestaffelte Anlage in Frage kommt.

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    1. Hallo Matthias 🙂

      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Vielleicht hast du Recht, dass die Diskussion im Grunde nicht zielführend ist, weil die meisten Menschen nur gestaffelt anlegen können. Ich fand es vor paar Wochen etwas verwunderlich, dass das in Grahams Buch so positiv dargestellt wurde und wollte mich dann wirklich näher darüber informieren. Ich hoffe, die Erkenntnisse sind trotzdem ganz interessant 🙂 (Auch wenn diese Theorie leider viel an ihrer praktischen Relevanz einbüßt :/ )

      Schönes Wochenende,
      Anna

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  3. Hallo Anna!

    Der Cost-Average-Effekt muss sicherlich von zweierlei Seiten betrachtet werden. Auf rein rationaler und zahlenbasierter Ebene spricht, wie bereits mehrfach erwähnt, alles für eine Einmalanlage. Der Börsenbulle befördert die Kurse in 2/3 der Fälle in höhere Gefilde und die einmalige Investition spielt dabei Ihre Vorteile gekonnt aus.

    Auf der emotionalen Ebene kann sich der Sachverhalt allerdings anders darstellen. Ich wollte mit meinen 30 Lenzen vor gut 3 Jahren damit beginnen in Aktien-ETFs zu investieren, hatte bis dahin jedoch nur Erfahrungen mit Tages- bzw. Festgeld gesammelt und stand nun vor der Frage: „Investiert du sofort dein gesamtes Risikokapital oder betrittst du gestaffelt das Finanzparkett?“ Letztlich entschied ich mich dafür, die Hälfte meines risikobehafteten Anteils sofort zu investieren und den anderen Anteil über den Zeitraum von einem Jahr über erhöhte monatliche Sparquoten anzulegen.

    Als Hauptgrund habe ich eine ungewohnte Situation ausgemacht, welche wohl auf jeden Anleger zutrifft, der sich das erste Mal in seinem Leben auf das Investieren in Wertpapiere einlässt. Man hat erstens, eine (stark)schwankende Anlageform und zweitens, kann man sich diese über einen kurzen Log-In jederzeit vor Augen führen. Ist man nun per Einmalanlage voll investiert, besteht für manch unbedarften Anleger die (erhöhte) Gefahr, bei fallenden Kursen die leicht zu erreichende Reißleine zu ziehen und im ungünstigsten Moment zu verkaufen. Insofern kann es gerade zu Beginn durchaus entscheidend sein, nicht sofort die „perfekte“ Geldanlage (in diesem Falle die Einmalanlage im Gegensatz zum Sparplan) umsetzen zu wollen, sondern nur die größten Fehler (hier: das Verkaufen bei niedrigen Kursen) zu vermeiden.

    Ich hatte dagegen gerade in meinem ersten Börsenjahr immer ein gutes Gefühl. Stiegen die Kurse, so profitierte davon mein bereits investiertes Geld. Fielen Sie wiederum, so erwarb ich nun mehr Anteile. Mittlerweile habe ich mich etwas an die Schwankungsbreite von Aktien-ETFs gewöhnt und schaue vielleicht alle 3-4 Monate in mein Depot.

    Diese Coolness bzw. Abgebrühtheit hatte ich jedoch nicht von Anfang an und jeder Investor, der zu Beginn seines Anlegerlebens bereits über eine angesparte Summe verfügt und diese investieren möchte, sollte sich fragen, ob er sich aus emotionaler bzw. psychologischer Sicht bereits für eine 100 prozentige Einmalanlage gewappnet sieht. Auch sollte die asset allocation jederzeit zur persönlichen Risikotragfähigkeit passen; aber das ist dann wieder ein anderes Topic 😉

    Verregnete Grüße

    Marvin 🙂

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    1. Hallo Marvin!

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar 🙂
      Stimmt, du hast Recht, beim Cost-Averaging hat man noch den psychologischen Vorteil, dass man nicht so schnell in Versuchung gerät, wenn es bergab geht. Eine wirklich sinnvolle Strategie, die du am Anfang gefahren bist! Wie machst du es heute? Hast du einen Sparplan (automatisch) oder investierst du komplett manuell?

      Viele Grüße 🙂
      Anna

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