Market-Timing — ein unüberwindbares Übel

Vor ein paar Wochen ging es in einem meiner Beiträge um das Cost-Averaging. Aber bei meinen Überlegungen kam ich an einen weiteren Punkt, bei dem ich schmunzeln musste. Wie wir gesehen haben, kann die Einmalanlage dem Cost-Averaging über einen kurzen Zeitraum (und wir reden hier von schon mal 10 Jahren) sowohl unter- als auch überlegen sein. Auch haben wir festgestellt, dass die Einmalanlage in Bullen- und das Cost-Averaging in Bärenmärkten am Vorteilhaftesten ist. Wenn wir jetzt aber das Beste aus dieser Statistik herausholen wollen — also versuchen, in der Baisse einen Sparplan einzurichten und in der Hausse große Summen einmalig investieren —, stellt sich heraus, dass wir Market-Timing betreiben.

Market-Timing beschreibt den Versuch, an der Börse den richtigen Einstiegs- und auch Ausstiegszeitpunkt zu finden, um damit seine Rendite zu steigern. Die Kunst besteht darin, bei hohen Kursen zu verkaufen und bei niedrigen einzusteigen. Die meisten Studien, wenn nicht sogar alle, sprechen jedoch entschieden gegen das Market-Timing. Rein theoretisch kann diese Anlagestrategie zwar funktionieren, jedoch zeigen sich in der Praxis viele psychologische Fallstricke, die die Rendite mindern. Das Problem ist nämlich, dass es nicht möglich ist, den Aktienmarkt kurz- und mittelfristig vorherzusagen. Bereits das Verpassen weniger Handelstage kann das Gesamtergebnis nämlich beträchtlich mindern und für eine Underperformance sorgen!

Die Hall-of-Fame der Market-Timer ist ein leerer Raum.

Das Tückische an dieser Anlagestrategie ist, dass man manchmal nicht zuverlässig beurteilen kann, ob das, was man tut, nun Market-Timing ist oder nicht. Wer hatte noch nicht diese Gedanken?

„Ich habe noch etwas Cash über und warte, bis sich der Kurs setzt.“ 

„Ich habe heute eine Bonuszahlung gekriegt, aber ich warte lieber noch auf eine Kurskorrektur, bevor ich es investiere.“ 

„Ich investiere, wenn [beliebige Ausrede].“ 

Unter den Leuten, die auf diese psychologische Falle hereinfallen, sind Menschen, die im TV Prognosen erstellen, dein Freund auf der Arbeit oder Facebook, und die Mehrheit der Finanzservice-Industrie. Dabei kann die Gruppe von Market-Timern in zwei Lager eingeteilt werden: die Unwissenden und die Lügner. Die Unwissenden sind dabei sehr ehrliche Investoren und Ratgeber, die tatsächlich glauben, dass sie den Markt timen können. Sie denken, dass es ausreicht, etwas zu wissen, was andere nicht wissen oder sehen können und damit einen Vorteil zu genießen. Das sind oft die Freunde, die nach einem Trip aus Vegas nach Hause kommen und rufen: „Yeah, ich hab’s gerockt!“, aber verschweigen, dass sie beim selben Besuch im Casino fünfmal Geld verloren haben …

Dann gibt es noch die, die sehr gut wissen, dass der Markt nicht getimet werden kann. Es gibt leider nicht viel, was ein Anleger lieber hören möchte, als bei einem Aufwärtstrend des Aktienmarktes teilnehmen zu können und gleichzeitig die Risiken von Korrekturen umgehen zu können. Von Top-Investoren wollen diese Menschen die ultimativen Geheimtipps hören, doch wenn diese gefragt werden, „wohin sich der Markt entwickeln wird“, und daraufhin „Ich weiß es nicht“ antworten, ist die Enttäuschung natürlich besonders groß. Manchmal sind unsere Gier und Ignoranz den Fakten gegenüber so groß, dass wir immer wieder in diese Falle tappen. Leider ist das ein sehr fruchtbarer Markt, mit dem sich sehr gut Geld verdienen lässt, was die Gruppe der Wissenden schamhaft ausnutzt.

Es ist natürlich eines so sicher wie das Amen in der Kirche: Es wird eine länger anhaltende Rezession geben und es wird auch stark korrigierende Bärenmarkte geben — also, wenn es über 20 % gen Süden rauscht. Der Markt ist sehr volatil, manchmal korrigiert er rational, manchmal irrational. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass man nie weiß, wann das sein wird. Bären- und Bullenmärkte sind nicht vorhersehbar. Deswegen ist es besser, sich an die Volatilität schlicht zu gewöhnen, anstatt zu versuchen, aus ihr einen Vorteil herauszuschlagen (je mehr Versuche, desto eher kann es nur schief gehen!). Beim Market-Timing spielt sowohl die Statistik, als auch die generelle Tendenz des Marktes gegen dich und kann deinem Portfolio ernsthaften Schaden zufügen.

Leider gibt es Strategien, denen man ihr Market-Timing nicht anmerkt, die aber Market-Timing sind. Eine davon ist die Rotation von Vermögensklassen — ein Versuch, den idealen Zeitpunkt herauszufinden, um von einer Asset-Klasse in eine andere umzuschichten. Eine andere ist die Rotation von verschiedenen Sektoren. Man schichtet von einer spezifischen Branche in eine andere um, je nachdem, welche man im Moment für lukrativ hält. Zum Beispiel kann man vom Finanzsektor in den Gesundheitssektor umschichten, wenn man der Meinung ist, dass letztere Branche gerade eine bessere Rendite verspricht. Manche Menschen versuchen sogar durch verschiedene Anlagestrategien zu springen, um eine Outperformance zu erzeugen. Beispielsweise halten sie einige Zeit lang Value Aktien in ihrem Portfolio, schichten aber dann auf Dividenden-Aristokraten oder auf Wachstumswerte um.

Aber was, wenn ich perfekt bin? Werfen wir einmal einen Blick darauf, was passiert, wenn man wirklich die perfekten Zeitpunkte trifft. Das Schwab Center for Financial Research hat sich genau dieser Frage gewidmet und fünf Strategien über einen Zeitraum von 20 Jahren (1993-2012) evaluiert (Einsatzkapital $2.000, einmal im Jahr investiert).  Das Ergebnis seht ihr in folgender Grafik:

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In der Tat, in der Theorie schneidet das Market-Timing am Besten ab, dicht gefolgt von der jährlichen Einmalanlage. Zwischen dem besten und dem schlechtesten Timing liegen satte $14.517. Ein gutes — und vor allem realistisches — Mittelmaß bieten die beiden Strategien Cost-Averaging und die Einmaleinzahlung. Leider scheint das einigen Menschen aber nicht gut genug zu sein …

Wie kann man Market-Timing vermeiden? Wie wir sehen, zeigen die akademischen Forschungen, Studien und (professionelle) Leute, die sich im Market-Timing versuchen, dass es nur theoretisch, aber nicht praktisch funktioniert. Manchmal betreibt man Market-Timing, ohne dass man es als solches wahrnimmt. Zunächst einmal, muss man seine Wahrnehmung schärfen und ehrlich zu sich selber sein, ob man regelmäßig zwischen Branchen oder eventuell Anlagestrategien springt, und ob der Faktor Zeit (vor allem kurz- und mittelfristig) in der Entscheidung vom Ein- oder Ausstieg eine Rolle spielt. Am Besten du entscheidest dich für eine Strategie und bleibst ihr über lange Zeit treu. Eine mögliche, gewinnbringende Strategie ist das Value Investing, die ihren Fokus auf momentane Evaluierung liegt:

Den ersten Ansatz, die Vorhersage, könnte man auch qualitativ nennen, da hier besonderes Gewicht auf die Aussichten, das Management und auf andere, nicht messbare, dennoch höchst wichtige Faktoren gelegt wird, die unter dem Begriff Qualität subsumiert werden. Den zweiten — absichernden — Ansatz könnte man den quantitativen oder statistischen Ansatz nennen, weil er die messbaren Verhältnisse zwischen dem Verkaufspreis und den Gewinnen, dem Vermögen, den Dividenden und so weiter betont. […] Wir selbst hielten uns im Rahmen unserer beruflichen Tätigkeit immer an den quantitativen Ansatz. […] Wir waren nicht bereit, die Aussichten und Versprechungen für die Zukunft als Ersatz für hinreichenden Wert hinzunehmen.“ (Intelligent Investieren: Der Bestseller über die richtige Anlagestrategie – Benjamin Graham*)

Es gibt aber natürlich auch weitere Anlagestrategien. Wichtig ist, konsequent zu bleiben. Auch Cost-Averaging kann behilflich dabei sein, sich nicht mehr mit Timing-Fragen herumzuschlagen.

Fazit. Ich finde es extrem erstaunlich, dass Forschung & Research in Bezug auf Aktienmärkte und Börsen Dinge ans Licht bringt, die theoretisch perfekt funktionieren, aber sich in der Praxis als absolut irrelevant herauskristallisieren. Leider gibt es trotz allem unzählige Marktteilnehmer, die tagtäglich Market-Timing betreiben und noch nicht mal realisieren, was sie da tun. Ich denke, hier spielen die Emotionen Selbstüberschätzung, Ignoranz und Hoffnung eine große Rolle. Ich bin nicht frei davon! Meine ersten Aktien habe ich mit Market-Timing gekauft (ich habe den Kurs beobachtet und zugeschlagen, als er sich etwas setzte.)

 Hand aufs Herz: Wer von euch erlag schon der Falle „Market-Timing“? 

Eine schöne & erfolgreiche Woche,

Anna

Quellen: [1] The 5 Mistakes Every Investor Makes and How to Avoid Them: Getting Investing Right*
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4 Kommentare zu „Market-Timing — ein unüberwindbares Übel“

  1. Aloha,

    ich erlag und erliege dem Market-Timing immer noch :-/

    Wie in meinem Kommentar zum Cost-Average-Effekt bereits erwähnt, habe ich zu Beginn des Investierens nur meinen halben risikobehafteten Anteil mittels der Einmalanlage angelegt und die andere Hälfte in größeren Tranchen via Sparplan über ein Jahr hinweg nachfließen lassen. Als Grund rede ich mir immer ein, dass ich mit der Börse zunächst „warmwerden“ musste, aber letztlich spielte sicherlich auch, ob bewusst oder unbewusst, das Market-Timing eine nicht unerhebliche Rolle.

    Wie viele andere neben mir, nutze ich meinen risikoarmen Anteil für das Rebalancing und steuere über diesen grundsätzlich meine Risikobereitschaft. Dennoch bin ich im risikobehafteten Anteil derzeit bewusst etwas unterinvestiert, mit der scheinheiligen Begründung, einen Aktiencrash noch nicht mitgemacht zu haben und so im Fall der Fälle aufgrund des vorhanden Kapitals, nicht doch der Versuchung zu erliegen, die Reißleine zu ziehen und meine ETFs zu liquidieren.

    Letztlich verfalle ich also auch hier dem Market-Timing. Schlussendlich sollten wir uns alle sicherlich beim Investieren wohlfühlen; inwiefern hierbei eine Minderrendite aufgrund des Market-Timings in Kauf genommen wird, muss wohl ebenso jeder mit sich selbst ausmachen.

    Liebe Grüße

    Marvin

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Marvin!

      Danke für deinen Kommentar 🙂
      Stimmt, du hast Recht, am Ende entscheidet, wie man sich wohlfühlt und dass man auch selbstbestimmt handelt. Am Ende ist es wirklich nahezu unmöglich, alle Faktoren zu berücksichtigen, die Einfluss auf die Rendite haben könnten. Ich glaube, die allermeisten machen Market-Timing, aber mir fällt es oft ziemlich schwer, das überhaupt zu erkennen :/ Beim Crash liquide zu sein, halte ich aber grundsätzlich für eine gute Idee. Ich bin mal gespannt, wann es uns erwischt …

      Viele Grüße,
      Anna

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  2. Hallo Anna, toller Beitrag!

    Also ich fühle mich definitiv ertappt. Ich investiere mit einem langfristigen Anlagehorizont (also >15 Jahre) und dennoch fühle ich mich (beispielsweise in der aktuellen Marktlage) nicht wohl, wenn ich regelmäßig per Sparplan oder manuell nachkaufe. Daher lege ich seit Mitte 2017 derzeit 90% meiner Sparrate auf ein Tagesgeldkonto als Cashreserve zurück, um bei einem „Rücksetzer“ zu investieren. Kurzum: Ich betreibe auch Market-Timing 😀

    Ich kann mich Marvin nur anschließen und zu meiner Verteidigung sagen, dass ich einfach nach einem Ansatz suche, mit dem ich mich wohlfühle. Und mit einer Cashreserve, also der Möglichkeit bei fallenden Kursen investieren zu können, kann ich besser schlafen. Das ist schon verrückt, denn ich gebe zu, es ist rational betrachtet sehr unwahrscheinlich, dass ich den „idealen“ Nachkauf-Kurs treffen werde. Aber das Gefühl zwar investiert zu sein, aber nach einem langen Bullenmarkt nicht mit 100%, fühlt sich gut an…

    Beste Grüße
    Johannes

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Johannes,

      Danke für dein Lob! Habe leider den Kommentar zu spät entdeckt – komischerweise ist er im Spam-Ordner gelandet? Sonst hätte ich gerne viel früher geantwortet! 🙂

      Ich glaube, es ist gar nicht so unvernünftig, Cash beiseite zu legen, um im Bärenmarkt zuzuschlagen. Ich fühle mich auch deutlich wohler, wenn ich im Moment nicht 100% investiert bin. Ich bin echt gespannt, wie lange es noch dauert bis zu einem sehr großen Rücksetzer. Hast du schon mal einen Crash / Depression am Aktienmarkt mitgemacht?

      Viele Grüße,
      Anna

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